Grubenwasseranstiege in Deutschland und Europa werden untersucht

Ende 2018 stellen die letzten aktiven Steinkohlenzechen in Deutschland den Betrieb ein. Die Aufgaben, die sie hinterlassen, sind vielfältig – von der ordnungsgemäßen Stilllegung und Verwahrung der Hinterlassenschaften bis zur Rekultivierung der Flächen, die ehemaligen Bergbauregionen gute Perspektiven bieten soll. Im Fokus stehen hierbei die so genannten Ewigkeitsaufgaben, insbesondere die Grubenwasserhaltung. Das Forschungszentrum Nachbergbau an der Technischen Hochschule (TH) Georg Agricola startet jetzt ein neues großangelegtes Projekt, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, wie diese langfristig und umweltverträglich gelingt. Die Wissenschaftler analysieren Grubenwasseranstiege in Deutschland und Europa, die bereits ganz oder zum Teil erfolgt sind, um daraus Empfehlungen für ein nachhaltiges Grubenwassermanagement in den Revieren an Ruhr, Saar und in Ibbenbüren abzuleiten.Das Forschungsvorhaben „Evaluierung von Grubenwasseranstiegsprozessen im Ruhrgebiet, Saarland, Ibbenbüren sowie in weiteren deutschen Bergbaugebieten und im angrenzenden europäischen Ausland“ wird für 3 Jahre mit bis zu 500 000 € von der RAG-Stiftung gefördert.

Die Stilllegung von Bergwerken ist nichts Neues. „In vielen deutschen und europäischen Steinkohlenrevieren kam der Abbauprozess schon vor langer Zeit zum Erliegen“, erklärt Prof. Dr. Christan Melchers, Leiter des Forschungszentrums Nachbergbau: „Dabei ging der Anstieg des Grubenwassers aber teilweise völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit von statten. Entweder wurde es über einen Wasserlösestollen direkt nahegelegenen Fließgewässern zugeführt. Oder das Grubenwasser infiltrierte in grundwasserführende Schichten und trat stellenweise an der Oberfläche wieder aus.“

Dagegen soll der Grubenwasseranstieg in den Revieren in NRW und im Saarland, den die RAG Aktiengesellschaft derzeit plant, gesteuert und kontrolliert ablaufen. Das Konzept sieht vor, die Anzahl der Wasserhaltungsstandorte schrittweise zu reduzieren und das Grubenwasser künftig nur noch in größere Flüsse einzuleiten. Das soll kleinere Gewässer wie z.B. die Emscher entlasten. „Um dafür das weitläufige, untertägige Streckensystem der Bergwerke nutzen zu können, muss das Grubenwasser ansteigen – allerdings jeweils nur bis zu einem Niveau, das nachhaltig einen Sicherheitsabstand zu wichtigen Grundwasserhorizonten gewährleistet“, sagt Hydrogeologe ­Sebastian Westermann, der das Projekt betreut.

Gesamtblick auf Grubenwasseranstiege

Erstmals werfen die TH-Wissenschaftler einen detaillierten Gesamtblick auf die bereits erfolgten Grubenwasseranstiege in Deutschland und Europa. „Wir analysieren die Wechselwirkungen in den Lagerstätten und prüfen, wie der Grubenwasseranstieg jeweils zeitlich-räumlich verlief. Wir bewerten zusätzlich, wie sich das Grubenwasser während des Anstiegs in Menge und Qualität verändert hat. Und auch die Methan-Migration und die Reaktionen an der Tagesoberfläche werden systematisch erfasst“, erklärt Sebastian Westermann. Alle bisherigen Prognosen überprüfen die Nachbergbau-Experten außerdem nachträglich auf ihre Genauigkeit.

Die Forscher erhoffen sich so ein vertieftes Verständnis von den Gesetzmäßigkeiten, die bei einem Grubenwasseranstieg ablaufen. Daraus erarbeiten sie die fachtechnischen Grundlagen, mit denen sich künftige Anstiegsprozesse noch präziser bewerten lassen. Unter die Lupe kommen u.a. die deutschen Steinkohlereviere an der Ruhr, der Saar, in Ibbenbüren, Aachen, Erkelenz, Zwickau, Lugau/Oelsnitz, im Döhlener Becken, in Südbayern und Deister im Schaumburger Land. Im angrenzenden Ausland sollen u.a. Bergwerke in Frankreich, Spanien, Belgien, Großbritannien und Polen einbezogen werden, bei denen Grubenwasseranstiege bereits vollständig oder teilweise erfolgt sind: „Jedes dieser Reviere hat eine individuell ausgebildete Lagerstätte mit geologischen, hydrogeologischen und bergbaulichen Besonderheiten“, erklärt Sebastian Westermann. „Dadurch unterscheiden sich die Konzepte und die Abläufe der Grubenwasseranstiege voneinander zum Teil stark.“ Um an die erforderlichen Daten zu gelangen, arbeitet das Forschungszentrum Nachbergbau eng mit aktiven Bergbaubetreibern sowie den Rechtsnachfolgern und zuständigen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden zusammen.

Das Projekt baut auf einer ersten Studie zu stillgelegten Steinkohlenrevieren auf (Melchers, Christian & Doğan, Tansel: „Recherche und Bewertung erfolgter Grubenflutungen in Steinkohlenrevieren Deutschlands und des europäischen Raumes“, in: Tagungsband 14. Altbergbaukolloquium, Essen 2014, S. 300-305).

www.thga.de

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